Amazons Zündelei

Es rauscht mal wieder im elektronischen Blätterwald: Seit der Präsentation des neuen eBook-Readers Kindle von Amazon überschlägt sich besonders die amerikanische Bloggeria im Hinblick auf die Frage, ob das neue Gerät für das Bücherlesen das Gleiche bedeutet wie das iPhone für das Telefonieren. Dass Newsweek diese neue Technologie als Coverstory publiziert ist dann noch das publizistische Sahnehäubchen.
Letztere beginnt mit einer überzeugenden Liebeserklärung an das gedruckte Buch:
It is a more reliable storage device than a hard disk drive, and it sports a killer user interface. (No instruction manual or “For Dummies” guide needed.) And, it is instant-on and requires no batteries. Many people think it is so perfect an invention that it can’t be improved upon, and react with indignation at any implication to the contrary.

Dem ist nicht zu widersprechen und es lässt sich leicht ausrechnen, welche Herausforderung es bedeutet, die mehr als 500 Jahre alte Gutenberg-Technologie – also den guten alten Buchdruck – herauszufordern. Abgesehen von der leichten Lesbarkeit des gedruckten Buches: Würde man sich einen teuren Lese-PC in die Badewanne oder an den Strand mitnehmen?

Die Idee, eine Art Mini-PC zu entwicklen, der mehr oder weniger ausschließlich zum Lesen elektronischer Texte bestimmt ist, ist sicherlich nicht neu. Leider haperte es bei vielen Lesegeräten an der Benutzerfreundlichkeit und vor allem an der Lesbarkeit. Erst die Entwicklung der so genannten elektronischen Tinte (eInk) vor knapp zwei Jahren leitete in dieser Hinsicht ein neues Kapitel ein. Sony verbaute diese Techologie 2006 als erstes in seinem PRS-500 – hier findet man einen Test des Geräts, Engadget hat weitere Screenshots. Mittlerweile ist das Nachfolgemodell PRS 505 erhältlich und kostet bei Sony knapp $300. Es lässt sich über Sonys eigenen eBook-Shop mit Lesefutter versorgen. Hierzu lädt man sich die Sony-Software Connect Reader auf seinen PC, kauft damit ein und transferiert die Daten anschließend auf sein Lesegerät.

Was ist also so revolutionär neu an Amazon’s Kindle? Ein wichtiger Punkt ist Amazons starke Marktposition im Bücherhandel. Kein anderes Unternehmen hat in dieser Sparte ein vergleichbares Produktangebot und eine solche Reichweite wie die Firma von Jeff Bezos, und so ist es nicht verwunderlich, wenn sich Kunden zum Kindle-Start bereits mehr als 90.000 digitale Bücher im eigens eingerichteten Kindle-Store mittels WLAN-Verbindung herunterladen können. Die Kosten dafür werden mit $9,99 für aktuelle Bestseller angegeben. Neben Büchern lassen sich auch Zeitungen wie die New York Times oder die Le Monde und ausgesuchte amerikanische Blogs wie TechCrunch, Scobleizer und Boing Boing abonnieren. Hier liegt auch gleichzeitig der zweite wichtige Punkt: Für den Reader benötigt man keinen Computer, über den man sich mit neuen Lesestoff versorgen kann. Stattdessen ist der Kindle – ähnlich wie die Push-Technolgie eines Blackberry – über eine kostenlose Dauerverbindung (EDVO wireless network) mit Amazon verbunden.

Kritiker bemängeln zum einen das Aussehen des Kindle: Robert Basic beispielsweise sieht das Gerät als eine Art Kreuzung aus Commodore und einem frühen Apple-Rechner. Seitdem Steve Jobs gezeigt hat, wie gut MP3-Spieler und Handys aussehen können, kann ich ihm da nur zustimmen. Auch der Preis von $399 scheint einigen viel zu überzogen zu sein. Auf der anderen Seite gibt es auch schon die ersten prominenten Fans: Bei Guy Kawasaki beispielsweise kann man ein sehr positives Feedback lesen.

Bezüglich des Aussehens und des Preises teile ich die Ansicht der Kritiker. Besonders die Tatsache, dass man mit $399 im wesentlichen eine Datentransfer-Flatrate subventioniert, die man möglicherweise eine zeitlang gar nicht in Anspruch nimmt, finde ich am geplanten Preismodell störend. Und auch wenn man Bestseller dann zum reduzierten Preis von $9,99 in seinen Kindle lädt, lassen sich diese auch nicht ohne weiteres mit Freunden tauschen – DRM sei dank. Eher vorstellen könnte ich mir den Einsatz des Kindle im studentischen/akademischen Bereich. Anstatt vorsintflutlich Kursmaterialien zusammenzukopieren, ließen sich einzelne Kapitel oder wissenschaftliche Artikel viel eleganter elektronisch für den Kindle aufbereiten.

Update: Robert Scoble’s Video über erste Leseerfahrungen

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