Jauchs Post-Tatort-Geschwurbel

Günther Jauch, schon seit Jahrzehnten Fernseh-Tausendsassa und Projektionsfläche von Millionen Schwiegermüttern, die auch gerne so einen intelligenten, netten und gut verdienenden Schwiegersohn hätten, gibt sich allsonntäglich nach dem Tatort die Ehre und profitiert in diesem Zusammenhang auch von Zuschauern, die es nach dem Krimi-Abspann nicht schnell genug zur Fernbedienung geschafft haben. Gestern war der E-Commerce an der Reihe. Thema: Weihnachten mit Amazon & Co. – Wer leidet unter dem Bestellwahn?

Jauchs Talkshow ist nun wirklich kein Musterbeispiel für ausgewogenen und gut gecasteten Diskussionsjournalismus sondern eher eine tendenziöse Quassel- und Profilierungsbude. Themen werden vereinfacht und zugespitzt, zwischen dem Tatort und den Tagesthemen braucht der Bundesdeutsche scheinbar noch eine Stunde Boulevard in Relevanz- und Betroffenheitsverpackung. So war es auch keine Überraschung, dass die Diskussion oberflächlich verlief und die Kombattanten sich in Nebensächlichkeiten und Anekdötchen verloren.

Ranga Yogeshwar, die Wissens-Allzweckwaffe des WDR, glänzt üblicherweise mit fundierter, ruhig vorgetragener und verständlicher Argumentation. In der Runde verrannte er sich leider in Tante-Emma-Klischees von der “Gratis-Wurst” beim Metzger und präsentierte als Muster-Beispiel für sinnvoll eingesetzte Online-Vernetzung das Crowd-basierte Verleihen von Bohrmaschinen. Günther Wallraff, Veteran des Inkognito-Journalismus geiferte über unfaire Arbeitsbedingungen bei Logistikern und rief gleich das Ende des Online-Handels aus. Für Laura Karasek war der bekannte Nachname und die Haarfarbe scheinbar ausreichende Qualifikation, um ihre Rolle als bestellungswütiges Online-Weibchen zum besten zu geben. Gerrit Heinemann gab den nüchtern formulierenden Faktengeber und versuchte an den richtigen Stellen, die Diskussion zu differenzieren, leider ohne sicht- und hörbaren Erfolg. Etwas lebhafter war Patrick Palombo, der wichtige Diskussionsbälle in die Runde warf, die jedoch selten aufgegriffen wurden.

Sich an Amazon abzuarbeiten, scheint ein lohnendes Ziel, lässt sich dieser Händler doch wunderbar als Brennpunkt verschiedenster Themen nutzen: Hohe Taktung und schlechte Bezahlung von Paketzustellern, straffe Organisation der Kommissionierung in den Lagern, hohe Retouren-Quoten und nicht zuletzt Steuerflucht. So sehr es die einzelnen Themen verdienen, im Einzelnen diskutiert (und auch langfristig gelöst!) zu werden, so wenig sind es Probleme, die Amazon oder gar der Online-Handel singulär verursachen und die von einer Wallraffschen E-Commerce-Komplettverweigerung gelöst würden. Effiziente Lagerhaltung und Retouren gab es schon zu Zeiten, als Mutti für die Familie bei Otto und Neckermann bestellte und das Internet noch ein Militärprojekt war. Und dass der stationäre Handel ein Hort angemessener Bezahlung sei, in dessen Kontext Lieferung und Retouren ökologisch und ökonomisch sinnvoll geregelt werden, ist nicht mehr als ein nostalgisches Märchen.

Bleiben zwei Fragen: Wer profitiert von derart gesteuerter Diskussion? Und, wie programmiert man seinen Fernseher so, dass nach dem Tatort automatisch abgeschaltet wird?

(Bild: pexels.com)

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