Anti-digitale Meinungsmache

Gestern habe ich es nach längerer Zeit mal wieder in eine Kabarett-Veranstaltung geschafft. Der besonders von den Mitternachtsspitzen des WDR bekannte Wilfried Schmickler gab sich im Aachener Audimax die Ehre und präsentierte sich so, wie man ihn kennt und schätzt: Gesellschaftskritik, vorgetragen im typischen Choleriker-Stakkato.

So sehr ich mit ihm in vielen Punkten übereinstimme, so sehr war doch zu merken, dass hier jemand wettert, den die digitale Revolution komplett abgehängt hat. Dem klischeehafte Bild einer unter Mobilität und Dauerkonnektivität leidenden Generation von Smartphone-Usern, Twitter-Fans und Coffee-to-go-Trinkern setzt er ein nicht minder klischeehaftes Nostalgie-Konstrukt entgegen: Schaltet das Handy ab, trinkt Euren Kaffee gemütlich im Café und sprecht wieder “live” miteinander.

Als jemand mit E-Commerce-Hintergrund konnte ich dann auch die Sekunden abzählen, bis der Onlinehandel sein Fett wegkriegte. Der Appell, den lokalen Einzelhandel zu unterstützen und der warnende Zeigefinger hinsichtlich leerstehender Innenstädte war vorhersehbar und reihte sich ein in das Sammelsurium anti-digitaler Meinungsmache.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es ist sicherlich sinnvoll, den eigenen Umgang mit der Digitalität von Zeit zu Zeit kritisch zu hinterfragen und für das bewusste Offline-Sein spricht eine ganze Menge. Aber Wut-geifernd die neuen Kommunikationsmöglichkeiten per se zu verteufeln und ein “damals-war-es-schon-besser”-Bild heraufzubeschwören, geht einfach an der Sache vorbei. Schlimmer noch: In meinen Augen demontieren sich diese Wortführer auf eine solch offensichtliche Weise, dass man schon fast Mitleid empfinden kann. Wie sehr hing der von mir bis dato sehr geschätzte Ranga Yogeshwar in einer Jauch-Talkrunde zum Thema Onlinehandel einem verstaubten Tante-Emma-Idealszenario an, in dem jeder noch eine echte Scheibe Fleischwurst erhalten könne. In eben dieser Runde saß auch der Undercover-Journalismus-Veteran Günther Wallraff, der erklären musste, warum er Amazon verteufelt, seine Bücher jedoch auch über diesen Händler vertreibt. Und ein jüngeres Beispiel: Hans-Magnus Enzensberger plädiert dafür, das eigene Handy einfach wegzuwerfen.

Ich finde es schade, dass diejenigen Schrifsteller, Publizisten, Journalisten und Künstler, deren Erfahrung und Weltsicht man so dringend bräuchte, sich mit ihrer Totalverweigerung so früh aus der Diskussion verabschieden.

Enden soll dieser kleine Beitrag aber mit etwas, das doch hoffen lässt. Der im letzten Jahr verstorbene Dieter Hildebrandt war Mitbegründer von Störsender, einem satirischen Youtube-Format. Als das Format auf Sendung ging, war der Kabarettist bereits 84 Jahre alt.

(Bild von pexels.com)

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